21.02.2025 – Redaktion
Vor dem Vergessen bewahren
Ein Filmprojekt über die Ankunft in Winsen
Holzkoffer der Familie Kaczmareck. © Gerd Demitz
Ein alter Holzkoffer steht aufgeklappt im Wohnzimmer. Er symbolisiert einen Neuanfang und das Ende einer langen Reise. Eine Gabel mit drei eingeprägten Kronen, dem dänischen Wappen, zeugen von Herkunft und Bedeutung dieses Koffers. Um 1946 wurde er einer Mutter mit ihren drei Söhnen in einem Auffanglager in Dänemark ausgehändigt. Er diente nicht nur als Grundausstattung für ein neues Leben in Deutschland, er war vielmehr ein Ausweisdokument und Beleg für die Herkunft ihrer Besitzer. Die Flucht der Familie Kaczmareck aus Pommern endete mitsamt ihrem dänischen Koffer in Winsen. Der Koffer, der nun dem Museum im Marstall als Spende zur Verfügung gestellt wurde, symbolisiert die Geschichte der Familie Kaczmareck und vieler anderer Heimatvertriebener. Ein Forschungsprojekt, das im Oktober 2024 am Museum im Marstall begonnen hat, möchte die Ankunft und das neue Leben Heimatvertriebener in der „neuen Heimat“ Niedersachsen aufarbeiten.
„Das Museum im Marstall widmet sich mit diesem Forschungsprojekt einem Themenbereich, der bisher in der Forschung oft zu kurz gekommen ist“, so Prof. Dr. Rolf Wiese, Vorstand des Heimat- und Museumsvereins. Es geht dabei nicht um den Blick der Heimatvertriebenen auf die ehemalige Heimat. Stattdessen werden Lebensgeschichten ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Winsen beleuchtet. Es geht um die Integration tausender Menschen während der Herausforderungen der Nachkriegszeit. Wie haben die Familien und Einzelpersonen einen Anschluss gefunden in einer Zeit des Mangels und des Schweigens. Wie wurden die Heimatvertriebenen aufgenommen und wie fühlten sie sich in der Fremde?
Stigmatisierungen und Überlebensstrategien sind dabei ebenso Thema wie das Leben in neu erbauten Siedlungshäusern und die Gründung neuer Existenzen.
Zwei Dokumentarfilme und Vermittlungsmaterial für das Museum im Marstall sind Ziel des Projektes mit dem Titel „Vor dem Vergessen bewahren“. Dank der Förderungen der VGH Stiftung und der Stiftung der Sparkasse Harburg-Buxtehude konnte das Museum im Marstall den Ethnologie-Studenten und Filmemacher Gábor Henry Raschberger für das Konzept und die Durchführung des Projektes gewinnen. Er fängt mit seiner Kamera besonders die persönlichen Komponenten der Zeitgeschichte ein. Mehrere Interviews im privaten Umfeld von Zeitzeugen geben anekdotisch und objektbezogen Einblicke in das Leben der Heimatvertriebenen. Raschberger ist es wichtig, „dass die Menschen zu Wort kommen und so eine persönliche Perspektive auf die historischen Ereignisse gezeigt werden kann.“ Ziel Raschbergers ist es, die Perspektiven unterschiedlicher Generationen und Hintergründe miteinander zusammenzubringen und in einen Kontext zu setzen. So wird Geschichte in Kombination mit dem Medium Film greif- und nachfühlbar. Über die Fortschritte des Projektes wird auf der Website des Museums unter www.museum-im-marstall.de regelmäßig berichtet und es werden erste Geschichten veröffentlicht.